#61 Analphabeten
Mal wieder ein kleines Gedicht zur Abwechslung, nachdem ich die letzten Tage vergeblich versucht habe, eine Geschichte zusammenzubringen, die meinen Ansprüchen genügt hat. Es ist gut, die (freiwillige) Verpflichtung eingegangen zu sein, wöchentlich zu veröffentlichen, sonst hätte ich mich diese Woche wohl gerne davor gedrückt. Dämlicher Perfektionismus, der zu Schreibblockaden führt! Viel Freude mit dem Gedicht!
An Alphabeten: Eure Lettern vergehn! An die Besser-Wisser Die ihr glaubt, zu verstehen: An die, die Freude finden, Alphas anzubeten Omegas zu zertreten, die ihr erwartet Propheten Um sie zu fragen: „Was tun?“ Nun, lebt! Liebt! Leidet! Verzeiht! Es ist an der Zeit, es ist eure Zeit! Die vergeht, die verrinnt, ob ihr weint oder lacht – Die einzige, die euch verbleibt.
Hört auf, euer Leben in Büchern zu suchen Die andere für euch geschrieben Hört auf!, euch zu beneiden Leben ist Lieben– Leben ist Leiden. Leben ist Lernen, sinn-erfassend lesen. Sucht den Sinn! Oder seid sinnlos gewesen. Welch fester Anker, wenn der Sturmwind weht Sinn: letzte Antwort auf jedes Gebet Das sonst da nur fraget: Wann? Wann wird er kommen, mich zu freien Der Mann in Schwarz, mich zu befreien? Wann wird er bringen süßes Glück Und was nur: Was? Was bleibt einst zurück?
Du fragst nur: Wann?, und betest flehend, Liest Bücher und Welten, und doch nicht verstehend, Dass die Welt aus Zwei bestehend, Die am Ende scheinen gleich, und -gültig, Bis ein neuer Anfang eilt herbei, Aus dem Einen wieder Zwei, Dann Drei und die Zehntausend werden, Doch selbst Zehntausend müssen sterben, Werdn’s Einer, Zwei, Zehntausend erben?
Ein Lied ertönt nun, liebestrunken Und ruft das Reich, das einst versunken. „Atlantis!“, rufst du, reich belesen In was noch komme, was gewesen Und irrst doch! Tragisch irrt dein Wesen Wie recht du hast! Geschrieben steht Was einst wird kommen, früh vergeht Doch irrt der Narr, der glaubt, versteht Zur Zukunft brauchts zukünftig Alphabet.
Oh Mensch, bedenke, wo du stehst Woher du kommst, wohin du gehst Drehst dich immerfort im Kreise Und wirst doch niemals wirklich weise. Ein Narr!, wer glaubt einst zu verstehn: Wir sind und bleiben Analphabet Wie alles ist, das noch erbebt Sind Bücher mit noch leeren Stellen Hab’n Tinte auch, um sie zu füllen. Bevor wir sie dann dereinst schließen Gibt’s noch so viel zu genießen Nur schreibend lernen wir zu lesen Geschichte eines Lebens: Das wäre sie gewesen. Sterbend erst – Werden wir sie lesen.