Weitwandern von Klagenfurt bis Maribor

Weit wandern: Wie weit kann ein Mensch gehen? Ich wollte meine Grenzen ein wenig austesten - hier ein Auszug meiner Erfahrungen dazu.
(Letztes Update von Niklas Baumgärtler am 7.6.2024)

Schon seit vielen Jahren spiele ich mit dem Gedanken, irgendwann einfach mal zu Fuß von zuhause loszugehen und Tag für Tag neu zu entscheiden, wohin es weiter gehen soll. Diese Woche war es dann endlich soweit: Ich würde von Klagenfurt bis Maribor zu Fuß gehen. Oder zumindest war das der ursprüngliche Plan…

1. Die Ausgangsbedingungen

Nachdem ich gegen Ende April erfahren habe, dass ein schon länger ausgemachtes Projekt in der Dauer von einer Woche Anfang Juni nun doch nichts werden würde, war für mich klar, dass das meine Chance sein würde, den lange gehegten Traum endlich umzusetzen. Mit dem Feiertag davor und dem Wochende dazu hatte ich bis zu 11 Tage am Stück Zeit für meine Wanderung. Selbst wenn es einige Tage regnen würde, sollten sich also 5-7 Tage wandern ausgehen.

Die Entscheidung, wo ich wandern würde, fiel wetterbedingt auf Kärnten – sonst war überall in Österreich Regen (und teilweise sogar Gewitter) angesagt. Dort fließt die Drau (auf Slowenisch: Drava), deren Verlauf mir großteils unbekannt war. Der wollte ich folgen, bis nach Slowenien hinein.

Welche Distanz war in der Zeit realistischerweise zu schaffen? Ich bin zwar regelmäßig auch in den Bergen unterwegs, aber muss auch an meine alte Knieverletzung denken. 20-25km Strecke inklusive Berggipfel (also Höhenmeter) dazu hatte ich schon öfter geschafft, aber noch nie viele Tage hintereinander. Also ging ich von 20-25km/Tag aus.

Weil ich keine Ahnung hatte wie viele km ich auf Dauer am Tag schaffen konnte, wollte ich es auch vermeiden, alle Unterkünfte im Voraus zu buchen. Was, wenn ich mit 30km rechnete, aber dann nur 25 schaffte? Also war der Plan, jeweils am frühen Nachmittag zu schauen, wo ich schlafen würde können.

Da ich seit letztem Herbst stolzer Besitzer eines österreichweiten Klimatickets bin, habe ich das Glück, meine Wanderung in ganz Österreich starten und beenden zu können. Wenn das Wetter spontan umschlägt oder sich die Wanderung zur nächsten Unterkunft mal nicht ausgeht, könnte ich sogar kostenlos und unkompliziert mit öffentlichen Verkehrsmitteln woanders hinfahren. Die Wanderung muss also nicht einmal in einem Stück passieren. Und selbst wenn mein rechtes Knie (alte Fußballverletzung, vor 3 Jahren operiert) nicht mehr weiterkann – auch kein großes Problem.

Mein Rucksack hatte alles zusammen wohl zwischen 15-20kg, mit Kleidung für 4-5 Tage. Plus Seife zum Waschen, falls ich länger unterwegs sein würde.

2. Die Reise

2.1 Tag 1: Klagenfurt bis Klopeiner See (32km)

Rucksack, Regenschirm und Schutz

Aus den ursprünglich vorhergesagten 4l Regen am Montag morgen wurden im Laufe der Zeit wunderbare 30l, die sich bis zum späten Nachmittag schön verteilten. Ich lernte die Qualitäten des winzigen Regenschirms, den ich „zur Sicherheit“ mitgenommen hatte, und dem Rucksack-Überzug gleich kennen. Beim nächsten Mal würde ich einen etwas größeren und stabileren Regenschirm wählen.

Es ist faszinierend, wie lange man zu Fuß braucht, um aus dem Zentrum einer Kleinstadt rauszukommen. Eine Stunde oder mehr ging ich einfach nur entlang von Hauptstraßen und wurde von vorbeifahrenden Autos nassgespritzt. Wahrscheinlich wäre es lustiger, da mit dem Bus bis zur Stadtgrenze rauszufahren und dann erst loszuwandern.

Entsprechend froh war ich, als dann gegen Ende der Wanderung der Regen langsam aufhörte, die Sonne teilweise durchlugte und am Ende zur Belohnung sogar ein Regenbogen über der Drau auf mich wartete. Da fing das Ganze zum ersten Mal an, auch Spaß zu machen. Vorher wars eher so: „Was zur Hölle mach ich da eigentlich?“

Nach ca. 32km Fußmarsch kam ich dann abends in einer kleinen Pension beim Klopeiner See an, die ich spontan über booking.com gefunden hatte. Die Inhaberin war sehr nett, und ich durfte mir sogar einen Teil vom Frühstücksbuffet als „Jause“ einpacken. Danke an der Stelle 🙂

2.2 Tag 2: Klopeiner See bis (fast) Bleiburg (34km)

Waldweg

Am nächsten Tag stellte ich gegen Mittag nach einem kurzen Bad im Fluss Drau (kalt!) fest, dass es in der näheren Umgebung keine einzige Unterkunft auf meinem Weg gab, die a) frei war und b) weniger als 100€/Nacht kostete. Die einzige zu Fuß erreichbare Möglichkeit war ein Container auf einem Campingplatz um 70€, bei dem aber dann noch 30€ für „Endreinigung“ dazukommen sollten. 100€ für einen Campingplatz?? Und einen Tag vorher hatte ich 60€ in einer Pension am See bezahlt, inklusive Frühstück? Ziemlich mieser Deal, das mit dem Campingplatz.

Nachdem ich 2h lang total genervt einen riesigen Umweg gelatscht war, um für den Campingplatz-Container zumindest Essen dabei zu haben (dort war auch kein zu Fuß erreichbarer Supermarkt vorhanden, und dort zu übernachten würde auch noch einen ordentlicher Umweg darstellen), kam mir die rettende Idee, doch nochmal nach einer Alternative zu suchen – immerhin war ich ja jetzt doch schon einen riesen Umweg zu diesem Supermarkt gelaufen, vielleicht war ja von dort aus etwas zu finden?

Und tatsächlich fand ich dann eine nette Pension um 68€ inklusive Frühstück „nur“ 7km weiter, wo ich dann auch tatsächlich übernachtete. Meine Laune besserte sich deutlich 🙂

2.3 Tag 3: Nahe Bleiburg bis Dravograd (43km)

Hängebrücke Kärnten

Der Tag begann mit einem leichten Zwicken im linken Unterschenkel, dem ich keine große Beachtung schenkte. Dieses Mal wollte ich was Quartiere betrifft etwas schlauer sein und früher herausfinden, wo man unterkommen konnte. Aber ich fand nicht wirklich etwas Brauchbares. Entweder waren Quartiere zu nahe (20km) oder zu weit weg (39km). Weil ich nicht wusste, was das Zwicken zu bedeuten hatte, ging ich einfach mal drauflos.

Nach ca. 15km wurde aus dem Zwicken ein immer unangenehmerer Zustand, aber meine ursprüngliche Unterkunfts-Idee ab ca. 20km war dann auf Nachfrage „schon voll“, ebenso die längere Variante. Am Ende wanderte ich 43km bis zu einem 4-Sterne-Hotel in der Nähe von Dravograd – die letzten 10km unter ziemlichen Schmerzen im Unterschenkel, die ich mir nicht wirklich erklären konnte.

Das 4-Sterne-Hotel war die einzig verbliebene Option in der Nähe – aber immer noch erheblich günstiger als der Campingplatz vom Vortag. Weil ich sonst nie in Hotels nächtige, wars interessant festzustellen dass es da ganz bestimmte erwartete Verhaltensweisen gibt, von denen ich natürlich keine Ahnung hatte. Als der „Gruß aus der Küche“ serviert wurde, war mir beispielsweise nicht klar, ob das jetzt mein Essen sein sollte oder nicht (war es nicht, aber da der Kellner weder Deutsch noch Englisch sprach wars nicht leicht herauszufinden).

2.4 Tag 4: Dravograd bis Trbonje (10km) – Maribor

Frühstück 4-Sterne Hotel

Am nächsten Tag fühlte sich mein Unterschenkel wieder normal an, aber nur ungefähr 5km lang – dann ging es wieder los. Und nachdem ich dann einen Felssturz vom Vortag auf der Straße nur mit Glück überwinden konnte (die Alternative wären 5-10km Umweg gewesen) beschloss ich, lieber den nahe der Strecke verlaufenden Zug nach Maribor zu nehmen und dann nach Hause zu fahren. Wandern mit Schmerzen bei jedem Schritt macht einfach auf Dauer keinen Spaß mehr.

3. Was ich in den 4 Tagen gelernt habe

3.1 Weitwandern macht Spaß!

Sobald man mal „drin“ ist, wird es zum irgendwie meditativen Zustand, der den Kopf so richtig schön leer bekommt. Der Spaß ist allerdings rasch vorbei, sobald man Schmerzen bekommt die nicht von selbst weggehen. Da wohl beim nächsten Mal lieber weniger km/Tag und dafür mehr Tage weitermachen können.

3.2 Es ist unglaublich, was der menschliche Körper schafft

Ich hätte nicht gedacht, dass ich einfach so 43km an einem Tag wandern kann. Mit 30km/Tag hätte ich noch gerechnet, aber alles über 40km finde ich schon ziemlich beeindruckend. Vor allem, da ich als Programmierer/Programmier-Trainer sonst doch sehr viel herumsitze. Hier die ganze Strecke (am Anfang kommen noch 4km dazu, da hab ich noch nicht kapiert wie man das Bergfex Tracking einschaltet):

bergfex Strecke

3.3 Gute Ausrüstung macht Sinn

Die gleiche Wanderung mit einem billigen Rucksack oder schlechten Wanderschuhen wäre vermutlich um einiges unlustiger geworden. Manches war übertrieben (z.B. war es so warm, dass ich eigentlich keinen Pullover gebraucht hätte), anderes hat gut funktioniert (z.B. im Waschbecken Kleidung waschen und wiederverwenden – außer bei Socken, da macht es Sinn, genügend mitzunehmen). Aber 15-20kg über 30km oder mehr schleppen ging echt gut so.

3.4 Man unterschätzt die Umwege wegen Quartieren

Ursprünglich ist die Strecke Klagenfurt-Maribor auf Wanderwegen laut Bergfex ca. 130km lang. Aber jedes Mal, wenn ich ein Quartier gebraucht habe, bin ich einige km Umweg dorthin gegangen, und dann natürlich auch wieder zurück. Manchmal findet man nur Quartiere die „zu früh“ sind, oder nur welche, die „zu spät“ sind.

Jetzt mit mehr Erfahrung würde ich wohl die Quartiere vorreservieren und im Durchschnitt auf 25-30km-Etappen auslegen – ich glaube, das ist auch über mehr Tage gut zu schaffen. Über 40km geht zwar, aber steigert wohl die Chance auf Schmerzen am nächsten Tag.

Zur Orientierung: Ich bin dann ingesamt in den ersten 3 Tagen ca. 105km gewandert und am letzten Tag nochmals 10km. Bis nach Maribor hätten mir (exklusive Umwege für nochmal übernachten) nochmal ca. 50km gefehlt. Statt 130km wie ursprünglich geplant wären es dann aufgrund der Quartier-Umwege eher 165km geworden – knapp 1/4 mehr als gedacht.

3.5 Alphaltstraßen sind unangenehmer als „weicherer Boden“

Wenn man viel am Stück wandert, merkt man mit der Zeit einen ziemlichen Unterschied zwischen „weichem Boden“ (Forststraße, Waldweg, …) und asphaltierten Wegen. Erstere Wege sind auf Dauer angenehmer zum Gehen. Ich vermute, weil die Schritte da etwas abgefedert werden.

3.6 Gespräche mit Fremden: 0

Was mich total überrascht hat war, wie schwierig es war, mit irgendwelchen Leuten ins Gespräch zu kommen. Ich hatte mit vielen interessanten Begegnungen gerechnet, aber irgendwie wollte niemand auch nur irgendetwas mit mir reden (einzige Ausnahme war die Gastgeberin am ersten Tag, die war nett). Vielleicht auch, weils unter der Woche und keine klassische Ferienzeit war. Aber hat mich trotzdem gewundert.

3.7 Beschriebene Seiten: 0

Ebenso hatte ich damit gerechnet, endlich wieder mal etwas Zeit zum Schreiben zu finden. Aber meist war ich abends so müde, dass ich nach dem Duschen einfach nur ins Bett gefallen und eingeschlafen bin.

4. Fazit: Weitwandern macht Spaß!

Feuerwehr Mann

Ich werds wohl wieder mal machen – aber beim nächsten Mal mit weniger km/Tag, eventuell jemandem der mitwandert und einer besser vorgeplanten Strecke.

Portrait Niklas Baumgärtler

Niklas Baumgärtler

Niklas Baumgärtler interessiert sich für die Kunst der Begeisterung und macht gerne Wechsel- und Hebelwirkungen in Sozialen Systemen sicht- und erlebbar. Mehr über Niklas Baumgärtler...